Donnerstag, 25. Januar 2024

Das Herz der Welt

 


Das Herz der Welt

 

Eines Tages, da hörte das Herz der Welt auf zu Schlagen und mit ihm verstummten alle Vögel, der Wind legte sich und das Wasser hörte auf zu rauschen und zu fließen. Die Tiere blieben wie erstarrt stehen oder regten sich kaum noch.

Ein Fuchs saß mitten auf der Wiese wie ein erstarrter Steinbrocken.

Doch eine Gattung auf der Erde hatte es vollkommen ignoriert. 

Ihr ahnt es schon: die Erwachsenen Menschensöhne und -töchter.

Sie rasten weiter in ihren Blechkisten vorbei, vom Himmel dröhnten die Düsenjets mit ihren Chemiespritzen vom Himmel.

Sie schoßen an vielen Orten der Welt weiter ihre Bomben und schickten ihre Todesdrohnen aus.

Ihr werdet Euch fragen, das kann nicht gut gehen.

Ohne das Herz der Welt.

Plötzlich sah ich ein kleines Kind, das hatte im Spiel im Sand just in diesem Moment sein Schäufelchen fallen lassen und blickte wie erstarrt

in die Ferne.

Es fühlte etwas ganz Schlimmes ist soeben geschehen und sein Herzchen pochte ganz wild.

Als es so starrte, bemerkte es eine Waldohreule in der Nähe auf einem Baum sitzend. Die blickte stumm zu ihm herüber.

Was kann ich nur tun? Nun bewegte es seinen Kopf und bemerkte diese eigenartige Stille. Als wenn dieses lebendige Pulsieren und Strömen des Lebens plötzlich verstummt wäre.

Die Eule schien dem Kind etwas sagen zu wollen.

Geh zum uralten Weltenberg am Rande des Horizonts.

Uralter Weltenberg? Rande des Horizonts?

Ich kleiner Zwerg? So eine weite Reise? Das Kind suchte, wo ein Hügel war, und ob es von dort diesen Weltenberg erblicken könnte.

Und tatsächlich als es oben auf dem Hügel war, erblickte es winzig klein einen tiefschwarzen Berg, und was geschah gerade?

Mitten am Tag fing an die Sonne vom Himmel zu fallen und fiel direkt in die Spitze des Weltenberges am Ende des Horizonts.

Was sie noch niemals zuvor getan hatte.

Zu dem Kind gesellte sich nun ein Fuchs, der voller Angst als einzige Bewegung die des Kindes wahrgenommen hatte und dachte, dieses Kind kann mir helfen zu begreifen, was geschehen ist.

Fuchs sprach zum Kind: Was ist geschehen, das alle verstummt sind und kein Vogel mehr trällert?

Hm, ich weiß es auch nicht. Die Waldohreule sagt, ich soll zum Weltenberg gehen.

Ja, sagte der Fuchs, sie ist die weiseste hier im Wald.

Das Kind schnürte einen Beutel mit einem Stück Brot, Apfel und Speck und machte sich auf dem Weg.

Es lief den Hang herunter zum Fluss der Hoffnung, dessen Wasser jetzt nur noch müde sich durch das Tal schlängelte, als wenn auch alles Wasser wiche.

Das Kind trank und wusch sich und überlegte wie es auf die andere Seite käme. Da war ein riesen Baumstamm,der herantrieb und da das Wasser ja nicht mehr schnell floß, konnte es diesen erreichen und sprang auf.

Es trieb ein Stück entlang des Flusses und da sah es ein verängstigtes kleines Rotkehlchen am Ende des Stamms und nahm es vorne unter sein Kleid zum wärmen. Nach einer Weile verkeilte sich der Stamm am anderen Ufer und so konnte das Kind auf der anderen Seite ans Ufer klettern.

Es musste sich nun beeilen ein Schlaflager zu finden. Da die Sonne ja schon untergegangen war, wurde es jetzt sehr schnell dunkel.

Auf einer Anhöhe war ein Baum mit einer Dachshöhle zu sehen. Dort konnte es ruhen.

Das Rotkehlchen hatte sich etwas beruhigt und nun packte das Kind seinen Beutel aus und gab ihm ein paar Brotkrümel. Es machte sich Gedanken  über alles, was es schon erlebt hatte in seinem Leben, warum der Bauer diese schweren Geräte gekauft hatte, die einen Höllenlärm machten, und alle Vögel verstummten und die Felder immer größer und stiller wurden und die Frau ihn dann mit den Kindern verließ. Warum man am Sonntag keine Glocke mehr läuten hörte und es keine lachenden und tanzenden Dorfleute mehr  gab zu den Jahresfesten.

Und das es selbst ja davongelaufen war, von seinem Zuhause, das keins war. Ich konnte sehen, daß dieses Kind trotz alledem keine Furcht hatte.

So wie jetzt im Bau des Dachses. Da kam ein müder Regenwurm vorbeigekrochen und hatte vielleicht den Apfel gerochen. Regenwurm weißt du was geschehen ist, wird das Leben jetzt ganz verstummen?

Aber nun ja ein Wurm, der spricht nicht. Er kringelte sich ein und das Kind beobachtete es einfach. Eine kleine Spirale. Es hatte mal eine Luftschlange, die wirbelte auch in Spiralen in der Luft.

So legte es sich auf die Seite und nahm das Rotkehlchen ganz nah zu sich, um es weiter zu wärmen.

Am nächsten Morgen war es grau und feucht. Es zeigte sich kein Sonnenstrahl. Es bündelte seinen Beutel, nahm das Vögelchen auf die Schulter , Fuchs lief an seiner Seite und ging weiter Richtung Weltenberg, den man mächtig von Weitem aus der Ebene, empor wachsen sah. Es kam ihm vor als wäre er über Nacht weiter angewachsen, nachdem er ja die Sonne verschlungen hatte.

Je weiter es ging, desto stiller und toter wurde es um ihn herum.

Rings herum waren diese riesen Felder der Monokulturen, wo nur noch Futter für die eingesperrten Masttiere angebaut wurde.

Plötzlich winkte etwas, das sah wie ein Mensch aus. Das Kind lief über den brachen Acker dort hin.

Oh, ja nun. Es war eine Vogelscheuche. Das es sowas noch gab.

Plötzlich fing sie zu reden an: Hey Du. Ich langweile mich zu Tode. Es gibt nichts mehr zu tun für mich. Die Vögel fliegen nicht mehr und die Menschen gibt’s anscheinend nicht mehr. Da fahren nur noch so riesige Monstermaschinen über den Acker. Ich bin die einzig übrig gebliebene Vogelscheiche aus rauhen Vorzeiten.

Nimmst du mich mit? Wenn du mich aus dem Boden ziehst, kann nicht vielleicht wieder laufen.

Gesagt, getan. Mit vereinten Kräften zusammen mit dem Fuchs zogen sie die Vogelscheuche am Besenstil heraus. Wie benommen schüttelte sie sich und stand dann sie tauf zwei Beinen. Noch etwas taumelnd schritt sie vorwärts. Es quietschte etwas im Gebälk. Aber Vogelscheuche hatte wieder eine Aufgabe. Sie war schon immer eine Weltenwanderin mit ihrem bunten Flickzeugstoffen aus aller Welt. So ging es nun zu viert weiter. Sie erzählten sich des Wegs ihre Lebensgeschichten, die so ungewöhnlich waren wie dieses Viererkomplott.

Die Zeit war nicht mehr zählbar, denn das Sonnengestirn wanderte ja nicht mehr. Zeit der Nichtzeit. Hier wo die Träume frei schweben und das Kann dem Muss weicht.

Jetzt kamen sie langsam dem Weltenberg nah und hier war eine Schwere wie Blei.

Jeder Schritt klebte wie ein Zentner Zement. So kamen sie kaum voran. Sie mussten ins Innere des Bergs. Der einzige der Gefährten,  wo nicht so zu kämpfen hatte, war das Rotkehlchen. Es meinte, kommt wir singen. Singen vertreibt die Schwere.

Das alte Wanderlied : im Frühtau zu Berge wir gehen fallerá. Es blühen die Wiesen, die Felder so nah.

Und was soll ich Euch sagen: in der Nichtzeit im Traumland werden unsere Worte wahr.

Tatsächlich fing es an zu blühen auf dem Pfad den sie gingen und die Schwere unter ihnen wich.

Nun kamen sie bald an den GipfelRand des Weltenberges.

Es dampfte und glühte und zischte, so dass ihnen

fast Ohren und Augen davonflogen.

Wie sollen wir da nur hinunter?

Nun die Vogelscheuche hatte tatsächlich ein sehr langes Seil um den Bauch geschlungen, damit sie ihr Jackett nicht verlor.

Hier ich hab ein Seil.

An dem kantigen Fels konnten Sie es anbinden.

Fuchs war der mutigste und kletterte voraus, dann das Kind mit Rotkehlchen vor dem Bauch und zum Schluss die kräftige Vogelscheuche.

Einfach nicht runter schauen. Schritt um Schritt ging es hinab.

Bis sie irgendwann einen Boden erblickten. Das Seil reichte nicht. Fuchs ist ein grosser Springer und schaffte es bis zum Boden. Er fing das Kind. Und Vogelscheuche ist ein Unkaputtbar. Er hat schon sämtliche Stürme und Gezeiten überlebt.

Hier war es stockfinster.

Wie sollten Sie den Weg finden zum Herz der Welt? Das kleine Kind dachte nach. Nun wenn wir uns auf unser Herz besinnen und dem lebendigen Sein in uns folgen, kommen wir zum Herz der Welt.

Und so taten sie es. Ganz ruhig und getragen von ihrem Herzschlag schritten sie voran.

Da vorne wird es heller. Das sah aus wie eine Höhle. Und plötzlich hörten sie lautes furchterregendes Fauchen und Gröllen wie von einem wütenden Drachen.

Und tatsächlich da war er, ein riesiger wutentbrannter Erdendrachen. Die Glut in seinem Inneren leuchtete durch den dicken schwarzen Schuppenpanzer.

Kommt nicht näher sonst verglüht  ihr alle zu Asche. Was wagt ihr es, mir so nahe zu kommen?

Das Herz der Welt hörte auf zu Schlagen und wir fürchten um unser aller Leben, sagte das Kind.

Der Fuchs ergänzte: alle Tiere sind verstummt und wir sahen die Sonne in den Berg stürzen.

Was ist passiert, das du so erzürnt bist?

Einst kam der reichste Mann der Welt zu mir und bot mir alle Schätze an, die er hatte, Gold, Juwelen, Diamanten. Er hatte mittlerweile alle Schatzkammern der Erde ausgeleert in seiner Gier,

ich solle das Herz der Erde gefangen nehmen, damit er die Macht über Leben und Tod bekäme.

Ich ließ mich geblendet auf den Deal ein. Doch bis heute ist er nicht aufgetaucht, um mir meinen Lohn zu bringen.

Dieser reiche Kaufmann ist des Teufels Advokat und beherrscht die dunkle Magie der Verführung, der Verblendung und des Wahnsinns, der ihn selbst befallen hat.

Nun, wenn die Welt untergeht, wirst auch du untergehen.

Wir können es gemeinsam schaffen die Macht dieses Tyrannen zu brechen.

So beschlossen sie ihren gemeinsamen Pakt.

Und der Drache befreite das Herz der Welt wieder und in diesem Moment stieg auch die Sonne zum Himmel empor.

Mit einem Mal wurde die Atemluft wieder freier.

Nun ging es weiter zu fünft. Wie konnte man so viel Böses bezwingen?

Und wie könnte man diesen Tyrannen finden?

Er wusste bereits, daß das Herz der Welt wieder frei war, da die Sonne schon wieder schien und alles belebte.

Nun sie konnten jetzt, dank dem Drachen, alle miteinander fliegen,  in Lichtgeschwindigkeit.

Wieder gingen sie in die Stille in ihr Herz. Dort sahen sie den Tyrannen als Baby als die Mutter ein Wiegenlied sang, bevor sie ihn verließ, und allein dies vermochte sein Herz zu erwärmen.

So flogen sie dorthin,wo es am dunkelsten und kältesten war auf dieser Erde. Und fingen an alle gemeinsam das Wiegenlied der Mutter zu singen und mit jedem Ton verwandelte sich der Magier zurück in ein Neugeborenes.

Dort am Fuße eines Baumes fanden sie es. Und hier nahmen sie es mit zu einer Amme, der sie das Lied beibrachten, damit es die Wärme der Mutter in sich aufsaugen konnte wie die Muttermilch.

Mit jedem Tag Liebe, die das Kind bekam, sproß ein weiterer Zweig Grün an seinem Lebensbaume.

Der Drache ging zurück in seinen Weltenberg um als Hüter der Erde seinen Platz wieder einzunehmen.

Die vier Freunde entschlossen sich gemeinsam an einem Ort zu bleiben und für alle, die es brauchten, ihre Herzenslieder zu finden und zu singen.

Eideen, 26.1.24